Art Karlsruhe 2016

Weniger Bodenständigkeit – mehr Mut!

Zugegeben – der ultimative „Wow-Effekt“ ist bei der diesjährigen Art Karlsruhe ausgeblieben. Bevor man ein vorschnelles Urteil fällt, sollte man sich aber in Gedanken rufen, an wen sich die Messe ebenfalls richtet: an ein gutbürgerliches Klientel. Nicht umsonst lautet das Motto „Mensch. Markt. Kunst.“ Und davon gab es eine Menge.
In Halle 1 sollten Fotografien und Original-Editionen ausgestellt werden, jedoch fand man dort überraschenderweise kaum jene angekündigten Fotos. Dafür wurde man gleich zu Beginn von einer One Artist-Show empfangen, die bleibenden Eindruck hinterließ. Chiefs & Spirits aus Den Haag präsentierten zahlreiche Weichplastik-Skulpturen von Stefan Gross. Die gummiartigen Salate, Blumen und Broccoli wippten anorganisch in der Luft, sodass man mit dem Gedanken spielte, sie tatsächlich anzufassen, um sich von ihrem Material zu überzeugen (bei einigen blieb es nicht nur beim Gedanken).
Auch die Villa del Arte gleich gegenüber hatte einiges zu bieten: Neben Françoise Nielly machten auch Jean-François Rauzier und die silbrigen Holz-Skulpturen Lienennays Eindruck.
Nicht unweit davon fand man den Ausstellungsraum der Hans Platschek-Stiftung, in der sich auch der Preisträger Justin Almquist zeigen durfte. Ob es zu seinem Vorteil war, in den direkten Vergleich mit Platscheks Werken treten zu müssen, bleibt aber fraglich.

Bildergalerie Teil 1 (zum Vergrößern klicken)

 

Brouwer Edition hatte viele Fotografien des ehemaligen Herzchirurgen und Extrembergsteigers Dierk Maass im Gepäck. Von seinen Reisen brachte er unter anderem Fotografien der Region Dolpo am Himalaya-Gebirge mit und welche bereits in einem gleichnamigen Album veröffentlicht worden sind. Vielleicht bleiben gerade deshalb eher seine kontrastreichen „Classics“ abseits der Kassenschlager im Gedächtnis.
Auch Hendrik Kerstens‘ Portäts seiner Tochter Paula erweckten das erwartete Interesse zahlreicher Käufer. Bis zum Ende der Messe dürfte die Rademakers Gallery jede ihrer mitgebrachten Editionen, die eine augenzwinkernde Interpretation von Jan Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ darstellen, sogar mehrfach verkauft haben.
Einen farbenfreudigen Abschied aus Halle 1 gaben schließlich die Premium Modern Art Gallery und die Münchner Galerie Kampl mit Rebecca Raue und Alireza Varzandeh. Erstere hatten ihren Messe-Platz hauptsächlich mit James Francis Gill und seinen Pop-(Art-)Stars ausgestattet und machten um ihre Sternchen die hollywoodreife Show, die sie zu ihren Lebzeiten gewohnt waren – roter Teppich und Absperrkordel inklusive.
Grundsätzlich mangelte es an Musik- und Film-Prominenz auf der ganzen Art Karlsruhe nicht: Immer wieder stieß man auf John Lennons, Marilyn Monroes und David Bowies, die sich räkelten, neben kläffenden Hunden posierten oder sonst was taten, was man als Ikone eben so macht. Umso verwunderlicher war es, dass sie sich nun auch hinter der Leinwand und Kamera präsentierten: Neben Fotografien von Comedian Dieter Nuhr, traf man auch auf Gemälde von Schauspieler Armin Müller-Stahl, vor denen man sich kaum retten konnte. Gleich vier mal wurde er auf der Messe vertreten – zwei mal davon mit einer Solo-Präsentation. Hier wäre der rote Teppich vermutlich angemessener gewesen.
Halle 2 widmete sich sodann der Modernen Klassik und Gegenwartskunst und wartete mit einigen Besonderheiten auf.

Bildergalerie Teil 2 (zum Vergrößern klicken)


Zum ersten Mal dabei waren 2016 Meyer Riegger, die in Karlsruhe mit Künstlern wie Daniel Roth und Franz Ackermann groß geworden sind und mittlerweile eine zweite Dependance in Berlin eröffnet haben. Dass es auch auf der Art Karlsruhe keinen Grund gibt tiefer zu stapeln als auf der Art Miami oder Basel, zeigte ihr hochklassiges Repertoire, mit dem sie in ähnlicher Form auch auf den genannten Welt-Messen auftreten.
An wirklich mutigen und außerordentlichen Werken mangelte es auf der Art leider etwas, da kamen einem Doris Graf und Urban Hüter von der Stuttgarter Galerie ABTart gerade recht. Hüters mehr als vier Meter große Skulptur „Black Vessel“ zog in jedem Fall alle Blicke auf sich, die sich aber auch an seinen kleineren Werken wie „Dandelion“ kaum satt sehen konnten.
Ganz anders, aber ungemein erfrischend machte sich da die Art Kelch, die sich auf Contemporary Aboriginal Art spezialisiert hat und farbgewaltige Großformate von Nyarapayi Giles mitgebracht hatte. „Fantastisch!“ hörte man reihum, wenn man vor Giles Interpretationen der Emu-Geistwesen stand, die Legenden nach bei der Ausgrabungszeremonie nach Farbpigmenten, sogenannten „ochres“, befreit werden.
Ein weiteres Highlight, das sich von der Masse hervorhob, steuerten von Braunbehrens mit Willi Siber und allem voran Manuel Knapp bei. Letzterer hatte drei Holzkästen mit Nägel, Tusche und Schwarzlicht in illusionistische Objekte verwandelt, vor denen sich eine regelrechte Schlange an Betrachtern gebildet hatte. Zahlreich wurde geklickt, geknipst und gestaunt als man das Ergebnis auf dem Bildschirm sah – die Raumwirkung der Objekte war nach der Digitalisierung eine völlig andere.
Genauso erfreute sich ein weiterer Stuttgarter großer Beliebtheit: Thomas Fuchs. Bereits am Samstag Mittag war ein Großteil seiner Gemälde verkauft. Kein Wunder, hatte er doch mit den großformatigen Arbeiten von Rainer Fetting und Jochen Hein ein glückliches Händchen bewiesen.

Bildergalerie Teil 3 (zum Vergrößern klicken)


Durch die Klassische Moderne und Gegenwartskunst in Halle 3 bahnte man sich schließlich langsam den Weg zur Contemporary Art, die in der dm-Arena das Finale bildete. Zunächst konnte man aber in besagter Nummer drei viel Hochklassiges und auch Hochpreisiges shoppen.
Die Galerie Schlichtenmaier präsentierte voller Stolz ein eindrucksvolles Werk von Ernst Wilhelm Nay, „Mit gelben Scheiben und blauen Spitzen“, für das man trotz sechsstelligem Betrag schon einen Interessenten habe. Auch in puncto Mühe und Erfinderreichtum hatte man beim Aufstellen des vierteiligen Aushängeschilds von Thomas Lenk nicht gespart. Die Wandskulptur aus Holz drohte mit ihrem Federgewicht von geschätzten dreihundert Kilo zu Beginn noch an der Messewand vorüber zu kippen. Dank verstärkter Wand mit Nische konnte sie aber doch den Besucher gleich beim Betreten der Halle empfangen.
Noch raumeinnehmender waren Peter Langs monumentale Holzskulpturen, mit denen Ursula Keller einen der beliebten Skulpturenplätze bespielte.
Auf organische, aufgefächerte Formen aus farbig gefasstem Stahl setzten stattdessen Tammen & Partner mit Herbert Mehler.
Mit den eindringlichen Frauen-Porträts im Kopf, die Marlis Albrecht und Alejandra Atares im Ausstellungsraum der Galerie Lauth zu sehen waren, wechselte man nach einem langen Marsch in die letzte Halle, in der die jungen Wilden vermutet werden: „Contemporary Art21“ lautete ihr Titel – zum Teil war sogar drin, was drauf stand.
Ein bisschen skurril zeigten sich die kristallenen Werke, die Robert Huber auf dem ersten Skulpturenplatz im Namen der Art-isotope platziert hatte. Von Weitem noch an weiches pastellfarbenes Fell erinnernd, entpuppten sie sich bei näherer Betrachtung als zerbrechliches, spitzes Material, das in Formen daherkam, die ganz klar nicht von dieser Welt zu sein schienen.

Bildergalerie Teil 4 (zum Vergrößern klicken)


Völlig für die private Ausstellung geeignet war dagegen die Kunst, die Victor Lope aus Barcelona mitgebracht hatte und der seit Langem schon Stammgast der Art Karlsruhe ist. Bei einem Interview verriet er Glarify, was er gerne sammelt und wie es ihm auf anderen Kunstmessen ergangen ist. HIER gehts zum Interview mit Victor Lope.
Das absolute Must-See der Messe kam diesmal von der italienischen anOTHER Art und ihrem Zugpferd Paul Critchley. Der Künstler hatte den ganzen Stand in ein begehbares Haus verwandelt und es mit seinen Werken, die die Einrichtung stellen, ausgestattet – mitsamt Bad, in dem er sich beim Duschen selbst porträtiert hat. Hoffentlich ging ihm dieser Sinn für Humor nicht flöten, als einst, wie die Galeristin hinter hervor gehaltener Hand berichtet, die Toilette aus seinem Schein-Haus geklaut worden war… Offenbar hatte er aber zumindest für „Ersatzteile“ gesorgt!
Der letzte Stopp galt abschließend den Heidelberger Galerien p13 und Kunst 2, wo Glarify auf den Streetartist DOME traf. Bei einem gemütlichen Treffen erzählte er welche künstlerischen Etappen ihn noch reizen, was er überhaupt nicht abkann und worauf es sich lohnt nach der Art Karlsruhe noch einen Blick zu werfen. Vorausgesetzt natürlich, man hat nach dem Vier-Hallen-Marathon noch genug Power.

Petra Xayaphoum

 

WEITERE IMPRESSIONEN GIBT ES HIER


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s