Kunst auf einen Blick

Felix Haas, Foto: Marc Wiegelmann
Felix Haas, Foto: Marc Wiegelmann
Dieses Interview ist erschienen im Kunstmagazin Sonnendeck 11-15
Felix Haas hat die Internetplattform Glarify entwickelt, die weltweit Kunstlocations und die dort ausgestellten Kunstwerke anzeigt. sonnendeck-Mitarbeiterin Anne-Sophie Fauser hat ihm einige Fragen gestellt.

sonnendeck: Wie kamen Sie auf die Idee eine solche Seite zu erstellen?

Felix Haas: Auf meinem Weg zum digitalen Illustrator und durch mein Kommunikationsdesign-Studium, hatte ich natürlich immer schon Berührungspunkte mit Kunst, sei es mit traditioneller Malerei, eigenes Aktzeichnen oder Besuche von Kunstausstellungen. Mein eigener Fokus war eher in der Unterhaltungsindustrie und die damit verbundenen digitalen Kreationen. Aber die “echte” Kunst hat mich schon immer fasziniert. Diese muss man auch einfach vor Ort erleben und nicht nur am Computermonitor. Trotz Internet, möchte man auf Vernissagen und Ausstellungen gehen, damit die Kunstwerke einen inspirieren. Ich habe schon in Mannheim, London und Frankfurt gelebt. Nach jedem Umzug habe ich mich gefragt: Wie sieht hier die lokale Kunstszene aus? Aus dieser einfachen Frage wurde in monatelanger Arbeit die Kunstplattform Glarify. Die Locations inklusive aller dort zur Schau gestellten Kunstwerke sollten auf einen Blick erfassbar sein. Weltweit.

Es gibt einfach keinen Gesamtüberblick der Kunstwelt, auch mit spezielleren Ausstellungsräumen, egal in welcher Stadt man ist. Dies gilt insbesondere für die Region Stuttgart. Für Kenner der Szene und Sammler ist es hilfreich, eine Anlaufstelle zu haben vor allem um aufstrebende neue Künstler zu entdecken. Als Galerist wiederum ist es interessant jemanden zu finden, der noch nicht unter Vertrag ist und den man fördern möchte. Die Plattform kollidiert nicht mit irgendwelchen Exklusiv- Verträgen, da es sich nicht um eine Verkaufsplattform handelt sondern nur um eine Präsentationsplattform mit Ankündigungen der Ausstellungen und Angabe der Örtlichkeit, wo diese Kunst besichtigt werden kann. Bei Gesprächen mit Künstlern und Galeristen in Stuttgart und Berlin kam heraus, dass es für viele bislang nicht vorstellbar ist, Bilder geschweige denn Skulpturen oder Installationen online zu kaufen. Wie auch die befragten Kunstexperten denke ich, dass man die Kunst vor Ort sehen, erleben und auf sich wirken lassen muss. Bei der Entscheidung in der Preisspanne von 100 – 10.000 Euro ein Kunstwerk zu erwerben, spielen Emotionen eine sehr starke Rolle. Genau für diese Zielgruppe an Galerien und Künstlern möchte ich mit Glarify ein Marketing Tool anbieten.

Was verbindet Sie mit der Kunstszene, hatten Sie in der Vergangenheit schon damit zu tun?

Während meines Designstudiums hatte ich den Antrieb realistische Portraits zu zeichnen oder zu malen, wie die alten Meister. Die traditionelle Malerei war für mich immer das Maß aller Dinge. Mit der Zeit hat sich der Fokus immer stärker auf zeitgenössische Kunst verschoben. Jetzt finde ich Dinge spannend, die einen Aufrütteln, aus der gewohnten Sichtweise herausreißen, einfach frisch sind. Ich glaube es spielt einfach generell das Gefühl mit rein, sich ständig weiter entwickeln zu wollen, den Horizont zu erweitern. Das macht den Reiz der Contemporary Art aus, am Puls der Zeit zu bleiben. Es ist in gewissem Maße auch eine Art Subkultur oder Avantgarde, der man zumindest minimal zugehörig sein will.

Screenshot der Plattform Glarify.com
Screenshot der Plattform Glarify.com

Was hebt gerade Ihre Seite von anderen Websites, wie z. B. Artmapp ab, die ebenfalls Künstler und Galerien präsentieren?

Im Gegensatz zu Artmapp geht es mir vor allem darum ein richtiges modernes Social Network mit Interaktion und Engagement der einzelnen Nutzer zu kreieren. Andere Webseiten, die zu stark kuratiert sind und eine Redaktion haben, können niemals die geplante weltweite Reichweite in diesem Umfang abwickeln und so aktuell sein. Große Plattformen wie Artsy fokussieren auf den High-End Bereich der Kunstwelt. Mit 50 Mio. US-Dollar Investment unterstützt, haben sie in New York ein Team, das sich um redaktionelle Teile, Features von Galerien, Messebeiträge etc. kümmert. Dort als Galerie gelistet zu sein kostet aber meines Wissens nach eine ganz schöne Stange Geld. Dafür kauft man sich natürlich in die Top-Liga ein. Das ist gar nicht so sehr mein Ansatz. Mir geht es nicht nur um die oberen 10 Prozent, sondern um die restlichen 90 Prozent der Kunstwelt, die sich eine Art Basel oder Frieze London nicht leisten können. Ich sehe es eher als Problem, dass von den vorhandenen Plattformen zu stark kuratiert wird. Die Galerien selbst machen das ja schon und genau darin sehe ich nach wie vor deren Aufgabe. Dennoch will ich auch einzelnen Künstlern die Chance geben, die noch nicht entdeckt wurden oder von keiner Galerie repräsentiert werden. Es wird immer auch Leute geben, welche die „semiprofessionelle“ Kunst aus dem örtlichen Kunstverein sehr schätzen. Ich bin davon überzeugt, dass beide Welten auf der gleichen Plattform existieren können. Daher habe ich mich eher an Apps und Webseiten wie Instagram, EyeEm oder Pinterest orientiert. Das sind einfach völlig freie Konzepte. Als Benutzer sucht man sich die Inhalte zusammen, die einem gefallen und folgt Leuten, die man spannend findet. Dadurch bekommt man nur den Inhalt zu sehen, den man möchte. Bei Glarify ist das Ganze aber mit dem modernen Ansatz verbunden, dass man auch die entsprechenden Locations zu den einzelnen Bildern hat, um die Kunst vor Ort zu erleben.

Wie genau versuchen Sie Glarify in der Künstler- und Galerienszene zu etablieren, verfolgen Sie bestimmte Marketingmaßnahmen?

Durch das Bewerben auf Twitter, Facebook und Pinterest von Kunstwerken, die in Stuttgart zu finden sind und durch eine direkte Ansprache an die Galerien und Künstler in Stuttgart, wird ein erster Kundenstamm von Kunstschaffenden/-händlern, als auch von Kunstinteressierten aufgebaut. Seit August ist Google Ad Words im Einsatz um mit passenden Suchbegriffen die Seitenaufrufe zu erhöhen. Ebenso werde ich die vielfältigen Kunstvereine und regionale Stiftungen, die Kunst fördern, ansprechen, um deren Mitglieder zu überzeugen. Direkt zu den Kunsthochschulen zu gehen, ist ein ganz wichtiger Schritt. Von dort kommen die Digital Natives, die sicherlich einen erheblichen Nutzen in Glarify sehen. Die Plattform ist seit Juni 2015 online und die Nutzung eines Profils ist generell kostenlos, um die Schwelle für Neuanmeldungen so niedrig wie möglich zu halten. Die Plattform wird durch zahlungspflichtige Premium Features finanziert werden, die ausführliche Statistiken für Galerien und Künstler sowie erweiterten Funktionsumfang bieten. Ziel ist es mit Glarify ein Selbstvermarktungstool für die Galeristen und Künstler anzubieten, welches ihnen ermöglichst das eigene Profil, ein einzelnes Kunstwerk oder eine Ausstellung besser als mit einer herkömmlichen Bannerwerbung oder einer Anzeige in einer Kunstzeitschrift zu bewerben.

Man hört oft von den typischen Problemen von Startup-Unternehmen, wie zum Beispiel das richtige Geschäftsmodell oder die passende Teamzusammenstellung, hatten Sie auch mit solchen Problemen zu kämpfen?

Klar, der Anfang ist schwierig. Vor allem weil ich bisher alles alleine auf die Beine gestellt habe. Die Entwicklung des Konzeptes und des Geschäftsmodells hat sich über mehrere Monate hingezogen. Ich bin nach und nach immer stärker in die Startup Szene von Stuttgart eingetaucht, die auch einiges zu bieten hat. Man bekommt viel Unterstützung wenn man gut vernetzt ist. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, bei Pitches die Geschäftsidee vorzustellen und erhalte auch dort wertvolles Feedback. Ich habe mir ebenso eine geförderte Unternehmensberatung dazu geholt, die mich bei der Gründung sehr gut unterstützt hat. Mit den Programmierern der Stuttgarter Agentur Neochic bin ich wirklich sehr zufrieden. Sie haben ganze Arbeit geleistet wie man sehen kann. Alles andere muss man als Geschäftsführer dann erstmal selbst übernehmen und sich in jedes Themengebiet reinfuchsen. Es wäre schön noch Mitstreiter im Team zu haben. Personen deren Anliegen es ist, eine globale Kunstplattform aufzubauen und sich dafür motiviert einzusetzen. Im Moment ist alles auf eigene Kappe finanziert, aber sobald der Proof of Concept funktioniert und die Plattform am Markt angenommen wird, möchte ich an Sponsoren, Unternehmen die Kunst fördern, oder auch Verlage mit ihrem digital Geschäft herantreten um eine weitere Investition zu erhalten.

Künstler und Galerien können ein Profil auf Ihrer Website anlegen. Gibt es gewisse Kriterien, welche diese erfüllen müssen?

Derzeit können jegliche Arten von Künstlern, Galerien und Kunstliebhabern kostenlos in wenigen Schritten ein Profil anlegen. Künstler und Galerien können zusätzlich ihre Werke hochladen, die von anderen Usern geliket werden können. Auf der Startseite fällt der Blick zuerst auf die Landkarte. Lichtpunkte, sogenannte Glares, zeigen wo sich Künstler, Galerien oder Ausstellungen in der Nähe befinden. Je heller ein Punkt strahlt, umso mehr User finden diese Location interessant. Locations können alles sein von Künstlern, Ateliers und Galerien bis hin zu Museen oder Kunst-Installationen. Natürlich können auch unbekanntere Künstler ihre Ausstellungen in Cafés oder Projekträumen anzeigen – genau das soll ein Aushängeschild von Glarify sein. Um die Qualität der Plattform dennoch zu gewährleisten, wird es demnächst eine kleine Einstiegshürde geben, wobei die Künstler und Galerien einen Link bereitstellen müssen, mit dem ein kleines Gremium von Experten die Qualität von 3–5 Kunstwerken überprüfen kann. Ein gewisser künstlerischer Anspruch sollte schon gewährleistet sein.

Dieses Interview ist erschienen im Kunstmagazin Sonnendeck 11-15


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s